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Die unangenehme Wahrheit zu allen infektiösen Erkrankungen mit ausreichenden Vektoren ist, dass wir sie nicht “beenden” können, wenn nicht einige wichtige Faktoren zusammenarbeiten. Bei den Masern kommt uns eine lange Inkubationszeit zur Hilfe, während dessen der Träger nicht infektiös ist. Wenn man sich also infiziert, treten die vernichtenden Funktionen des lernenden Immunsystems der Impfung ein, bevor man es weitergibt, und das unterbricht die Infektionskette. Dazu kommt noch, dass bei den Masern die Serumprävalenz Jahrzehnte besteht.

Bei der Diphtherie bekämpfen wir nicht das Corynebacterium diphtheriae sondern das Toxin, welches von C. diphtheriae ausgeht.

Bei SARS-CoV-2 haben wir diesen Luxus nicht. Infizierten sind schon vor dem Entstehen von Symptomen infektiös. Ansteckungen sind immer und überall möglich, und weder Masken noch Impfungen sind ein vollständiger Schutz vor der Verbreitung. Impfungen verringern die Chance eines schweren Verlaufs, Masken das Risiko einer Ansteckung oder Weitergabe. Aber auch hier: wenn ein Eimer ein Loch hat, und ich es zu 95% stopfe, ist der Eimer trotzdem irgend wann einmal leer.

Also muss Wissenschaft und Politik sich doppelt kümmern: das Infektionsgeschehen verlangsamen (Masken), die klinische Auslastung reduzieren (Masken durch Verzögerung, Impfungen durch Reduktion schwerer Verläufe), aber auch die Ressourcen schaffen dass das Virus uns nicht verhackstückt: mehr Pflege und Ärzte in die KH, damit die unvermeidlichen und wahrscheinlich repetitiven Ausfälle des Personals keine Engpässe erzeugen. Viel Geld und Forschung in die Behandlung von Long COVID, da bei einer 10%igen Prävalenz von LC und einer fast 100%igen Chance dass man sich irgend wann mindestens einmal ansteckt, viel Arbeit gemacht werden muss. In DE alleine wären das 8 Millionen Menschen.

Zum Vergleich, das Gammaherpesvirus 4, Epstein-Barr, lässt auch kaum Menschen aus. Das Risiko Multiple Sklerose zu entwickeln erhöht sich um das 32-fache, wenn man sich ansteckt (und 98% aller Menschen in DE sind oder waren infiziert), dazu kommen noch Krebsarten, Lymphome, Lupus, und andere rheumatische Autoimmunerkrankungen, und mehr. Trotzdem sind das weniger als 100,000 Menschen in DE im Jahr, die direkt oder an den Spätfolgen von EBV leiden und/oder versterben. Und wir investieren 18x mehr in die EBV Forschung (immer noch zu wenig, finde ich) als in Long Covid.

Gefährlich ist es, zu denken oder zu behaupten, dass das Virus auf der einen Seite ungefährlich oder auf der anderen Seite, durch Impfungen oder Masken vermeidbar ist. Das lenkt von den wichtigen Maßnahmen wie die oben genannten Maßnahmen in Kliniken und der Forschung an der Behandlung von schweren Verläufen und Long Covid ab. Wie beim EBV müssen wir uns damit abfinden, dass eine Ansteckung kaum vermeidbar ist. Und dass der Fokus auf der Herauszögerung des Ansteckungsgeschehens (Masken), der Verfügbarkeit von medizinischer Hilfe (KH), und der Forschung zur Behandlung und Erkennung von Infektionen und Long Covid liegen muss.

@mikka ja nur leider verbleibt nach Masern das verdammte Herpes Zoster I'm Körper. Hab' mich impfen lassen, aber ganz schön krasse Impfreaktion kassiert. Jetzt schon Respekt vor der zweiten Impfung!

@nichtvermietbar Varicella Zoster ist leider Windpocken, nicht Masern.

Masern haben aber auch ganz schlimme Auswirkungen auf B-Zellen in akut infizierten Menschen mit Symptomatik[1], und können auch subakut ziemlichen Schaden anrichten.

[1] science.org/doi/10.1126/sciimm

@mikka Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag. Ich hab eine inzwischen 26 jährige Tochter, die sich im Dezember 2020 reinfiziert hatte und danach Longcovid entwickelt hat. Es ist furchtbar mitansehen zu müssen, wie sehr sie darunter leidet. Sie ist immer ich nicht arbeitsfähig. Aber jetzt scheint es ganz langsam bergauf zu gehen. Nach anderthalb Jahren...

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